Achsvermessung nach Unfall: Warum sie oft lebenswichtig ist & der Gutachter entscheidet
Alles in Kürze
- Wann nötig? Dringend empfohlen, sobald Räder oder Fahrwerk Kontakt hatten (Ausnahmen: sehr leichte Berührungen im Schritttempo).
- Sicherheit: Verstellte Achsen gefährden die Fahrstabilität und irritieren Assistenzsysteme (Spurhalteassistent, ESP).
- Versteckte Schäden: Lenkgetriebe und Radlager können beschädigt sein, ohne dass man es von außen sieht.
- Kostenübernahme: Auch bei Schäden unterhalb der Bagatellschadengrenze zahlt die Versicherung oft die Vermessung, wenn diese technisch begründet ist.
- Unterschied: „Vermessung“ ist nur die Diagnose, „Einstellung“ ist die Reparatur.
- Experten-Tipp: Ein unabhängiger Gutachter kann die Notwendigkeit oft besser begründen als eine Werkstatt. (Siehe: Gutachter oder Werkstatt?)
Eine Achsvermessung nach einem Unfall ist aus technischer Sicht in den allermeisten Fällen ratsam, sobald ein Anstoß im Rad- oder Fahrwerksbereich stattgefunden hat. Selbst bei vermeintlich leichten Schäden (z. B. Bordsteinkontakt oder Streifschaden an der Felge) können unsichtbare Verstellungen der Achsgeometrie auftreten. Diese gefährden nicht nur die Sicherheit, sondern können teure Folgeschäden an Assistenzsystemen und Getriebe verursachen.
Warum der bloße Blick nicht reicht: Die Gefahr versteckter Schäden
Als öffentlich bestellter und vereidigter KFZ-Gutachter in Mainz sehe ich täglich Schäden, die auf den ersten Blick harmlos wirken. Ein Kratzer an der Felge sieht oft nur nach einem „Schönheitsfehler“ aus. Doch die Kräfte, die diesen Kratzer verursacht haben, wurden über den Reifen direkt in die empfindliche Fahrwerksmechanik geleitet.
Hinweis zur Praxis: Die Bagatellschadengrenze liegt je nach Region und Rechtsprechung oft zwischen 750 € und 1.000 € brutto. Unterhalb dieses Wertes wird zwar oft kein umfassendes Schadengutachten erstattet, aber: Die Achsvermessung ist davon unabhängig. Auch bei kleineren Schäden (z. B. 400–600 €) setzen wir die Kostenübernahme für die Vermessung oft erfolgreich durch, indem wir die technische Notwendigkeit (Gefahr der Kraftübertragung auf Spurstangen) plausibel begründen. Sprechen Sie mit uns – wir klären die Kostenübernahme.
Was oft übersehen wird:
- Lenkgetriebe: Bei einem Anstoß am Vorderrad kann die Zahnstange des Lenkgetriebes beschädigt werden. Das ist von außen nicht sichtbar, kann aber zum Blockieren der Lenkung führen.
- Radlager: Ein Aufprall kann Haarrisse oder Dellen in der Lauffläche des Radlagers verursachen. Symptome wie Brummen oder Heulen treten oft schon ab 30–80 km/h auf und werden mit der Zeit lauter. Tückisch ist jedoch, dass sich der Schaden in manchen Fällen erst zeitverzögert bemerkbar macht.
- Fahrwerksteile: Querlenker oder Spurstangen können sich im Mikrometerbereich verbiegen. Das reicht aus, um das Fahrverhalten dauerhaft negativ zu beeinflussen.
Wichtig: Wird die Achsvermessung nicht direkt nach dem Unfall dokumentiert, ist es später fast unmöglich, diese Folgeschäden bei der gegnerischen Versicherung geltend zu machen. Lesen Sie hier, wie Sie
Schäden richtig dokumentieren.
5 Warnsignale für eine verstellte Achsgeometrie
Wenn Sie eines dieser Symptome nach einem Unfall (oder auch nach einem heftigen Schlagloch) bemerken, ist eine sofortige Prüfung in unserer Sachverständigen-Station in Nackenheim oder bei Ihnen vor Ort notwendig:
- Schiefstehendes Lenkrad: Sie fahren geradeaus, aber das Lenkrad steht leicht nach links oder rechts.
- Einseitiges Ziehen: Lassen Sie auf gerader Strecke kurz das Lenkrad locker (nur bei Sicherheit!), zieht der Wagen zur Seite.
- Schwammiges Lenkgefühl: Das Auto reagiert verzögert auf Lenkbewegungen.
- Geräusche: Reifen quietschen in Kurven schon bei niedrigem Tempo oder das Fahrwerk poltert.
- Sägezahnbildung: Fahren Sie mit der Hand über das Reifenprofil. Fühlt es sich stufig oder rau an (wie Sägezähne), ist dies ein starkes Indiz für eine verstellte Geometrie (auch wenn falscher Reifendruck oder defekte Stoßdämpfer ähnliche Spuren hinterlassen können).
Technik-Exkurs: Spur, Sturz & Nachlauf einfach erklärt
Um das Schadengutachten technisch nachvollziehen zu können, hier die drei Hauptwerte der Vermessung:
- Spur (Vorspur/Nachspur): Blicken Sie von oben auf das Auto: Stehen die Räder vorne enger zusammen als hinten (wie bei einem Pflug beim Skifahren), spricht man von Vorspur. Dies stabilisiert den Geradeauslauf. Ist die Spur verstellt, „radieren“ die Reifen permanent über den Asphalt.
- Sturz: Blicken Sie von vorne auf das Auto: Neigen sich die Räder oben nach innen (negativer Sturz), verbessert das die Kurvenhaftung. Ein Unfall kann diesen Winkel verändern, was die Aufstandsfläche des Reifens verringert und den Bremsweg verlängert.
- Nachlauf: Vergleichbar mit den Rollen eines Einkaufswagens. Die Neigung der Lenkachse sorgt dafür, dass sich die Räder nach einer Kurve von selbst wieder geradeaus stellen. Ein verstellter Nachlauf macht die Lenkung nervös oder schwergängig.
Der Unterschied: Achsvermessung vs. Spureinstellung
Im Sprachgebrauch werden diese Begriffe oft synonym verwendet, doch technisch beschreiben sie zwei völlig unterschiedliche Arbeitsschritte. Für die Kostenkalkulation im Gutachten für das Auto ist diese Unterscheidung entscheidend.
Die Achsvermessung (Diagnose)
Dies ist die reine Bestandsaufnahme. Sensoren ermitteln den Ist-Zustand der Fahrwerksgeometrie. Das Ergebnis ist ein Messprotokoll, das zeigt, ob die Werte innerhalb der Herstellertoleranzen liegen.
- Ziel: Fehler finden.
- Dauer: ca. 15–30 Minuten.
- Kosten: Günstiger, da keine mechanische Arbeit erfolgt.
Die Spureinstellung (Therapie)
Dies ist die handwerkliche Korrektur. Nur wenn die Vermessung Abweichungen zeigt, erfolgt die Einstellung. Dabei lösen Mechaniker festgerostete Schrauben an Spurstangen oder Exzenterschrauben und justieren die Bauteile mechanisch zurück auf die Soll-Werte.
- Ziel: Fehler beheben.
- Dauer: 30 Minuten bis 2 Stunden (bei älteren Fahrzeugen mit starker Korrosion/Rost kann der Aufwand auch deutlich höher sein).
- Kosten: Zusatzaufwand zur Vermessung.
Vergleich auf einen Blick
| Merkmal |
Achsvermessung |
Spureinstellung |
| Was passiert? |
Nur Messen & Prüfen (Datenaufnahme) |
Schrauben, Justieren & Korrigieren |
| Wann nötig? |
Zur Kontrolle nach fast jedem Radanstoß |
Nur wenn die Messung Fehler zeigt |
| Ergebnis |
Protokoll mit Rot/Grün-Werten |
Korrekt fahrendes Auto |
Moderne Messverfahren & Oldtimer
Nicht jedes Auto wird gleich vermessen. Je nach Fahrzeugalter und Technik setzen wir unterschiedliche Verfahren an:
- 3D-Achsvermessung (Standard bei modernen PKW): Hierbei werden Reflektoren (Targets) an den Rädern montiert. Spezialkameras erfassen deren Position und erstellen ein digitales 3D-Modell des Fahrwerks.
- Optische Vermessung (für Klassiker): Bei Oldtimern und Klassikern funktionieren moderne Datenbanken oft nicht, da die Soll-Werte fehlen oder die Aufhängungstechnik (z. B. Starrachsen) eine andere Herangehensweise erfordert. Hier arbeiten wir mit Spiegeln und manueller Justierung, um die historische Substanz korrekt einzustellen.
Ein neues Risiko: Assistenzsysteme & Kameras
Früher ging es beim Fahrwerk „nur“ um Reifen und Geradeauslauf. Heute hängt die digitale Intelligenz Ihres Autos daran.
Moderne Fahrzeuge mit Spurhalteassistent (Lane Assist), Abstandsregeltempomat (ACC) und Notbremsassistent verlassen sich darauf, dass die „Fahrachse“ exakt stimmt.
- Ist die Hinterachse durch einen Unfall minimal schief, fährt das Auto im „Dackelgang“.
- Die Kamera in der Frontscheibe und der Radar im Kühlergrill „schauen“ dann in die falsche Richtung.
- Die Folge: Der Spurhalteassistent lenkt gegen, obwohl Sie geradeaus fahren, oder der Notbremsassistent erkennt Hindernisse auf der falschen Spur.
Deshalb gilt: Nach jeder Achsvermessung mit Korrektur müssen bei modernen Fahrzeugen oft auch die Kameras und Radarsensoren neu kalibriert werden. Diesen Aufwand berücksichtigen wir in Ihrer
Fahrzeugbewertung, damit Sie auf den Kosten nicht sitzenbleiben.
(Mehr zum Ablauf der Kalibrierung lesen Sie bei Auto Bild.)
FAQ – Häufige Fragen an den Gutachter
Muss ich bei einem reinen Felgenkratzer wirklich vermessen?
Ja, eine Überprüfung ist dringend ratsam. Zwar hängt es immer vom Einzelfall ab (Aufprallwinkel, Geschwindigkeit), aber: Eine Alufelge ist sehr starr. Die Energie, die den Kratzer verursacht hat, wurde oft an empfindlichere Bauteile wie Spurstangen weitergeleitet. Aus Sicherheitsgründen gehen wir als Sachverständige hier lieber auf „Nummer sicher“, auch wenn bei reinen Oberflächenkratzern manchmal diskutiert wird.
Zahlt die Versicherung die Achsvermessung?
Bei einem unverschuldeten Unfall (Haftpflichtschaden) in der Regel: Ja. Selbst bei Schäden unter der Bagatellgrenze (z. B. 400–600 €) muss die gegnerische Versicherung die Kosten für die Vermessung übernehmen, wenn wir als Gutachter die technische Notwendigkeit plausibel darlegen. (Mehr dazu: Gutachter oder Werkstatt nach Unfall?)
Kann ich das auch später machen lassen?
Theoretisch ja, praktisch nein. Wenn Sie erst nach 4 Wochen zur Vermessung fahren, wird die Versicherung oft behaupten, Sie seien in der Zwischenzeit erneut gegen einen Bordstein gefahren. Die Beweislast liegt dann bei Ihnen. Daher: Sofort dokumentieren lassen.
Fazit
Die Achsvermessung ist weit mehr als Reifenpflege – sie ist in modernen Fahrzeugen ein sicherheitskritischer Reset für Fahrwerk und Elektronik. Als unabhängiger Sachverständiger sorge ich dafür, dass dieser wichtige Schritt nicht aus Kostengründen von der gegnerischen Versicherung gestrichen wird.
Über den Autor
Franc Gourge – Öffentlich bestellter & vereidigter KFZ-Gutachter
Mit über 40 Jahren Erfahrung in Karosseriebau und Gutachtenerstellung kämpfe ich für Ihr Recht auf eine vollständige Schadenregulierung. Mein Team in Mainz ist spezialisiert auf komplexe Unfallschäden, Oldtimer-Expertisen und US-Fahrzeuge.
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